Mach uns den Rebellen!

Er kann's noch: Rockstar Billy Idol feiert in der Arena ein umjubeltes Wiedersehen mit seinen Berliner Fans

Von Peter E. Müller

Er hat in den Achtzigern schnell begriffen, daß das Image mindestens ebenso wichtig ist wie die richtige Musik zur richtigen Zeit. Nachdem er sich von der formidablen Londoner Punkband Generation X verabschiedet hatte, um im Alleingang Karriere zu machen, formte er sich zu einem platinblonden Rebellen mit romantischer James-Dean-Aura. Dazu ein bißchen Elvis, ein bißchen Eddie Cochran und viel Wut im Bauch gegen Normen, Autoritäten und Spießertum.

Billy Idol hat polarisiert in den Achtzigern. Er landete zusammen mit seinem Kumpel und Gitarristen Steve Stevens Hits wie "Rebel Yell" und "White Wedding" und wurde von denen, die stets wissen, wie gute Rockmusik zu klingen hat, verbal als Poseur und Posterboy und Knallcharge verhauen. Als ihm schließlich in den Neunzigern die Puste ausging, als Drogen ihm Nase und Hirn verstopften und ihn umzubringen drohten, schien es aus zu sein mit der Karriere.

Nun aber, ein paar Tage vor seinem 50. Geburtstag, läßt er markig und durchtrainiert auf der Bühne der Treptower Arena die Muskeln spielen. Mit einer großartigen Band markiert Billy Idol den nimmermüden Rock-'n'-Roller, samt aller liebgewonnenen Posen, Grimassen und Klischees, die das Genre nun mal so mit sich bringt. Und er macht das prima.

Mit "Devil's Playground" hat er nach mehr als zehn Jahren Sendepause in diesem Frühjahr eine neue Platte veröffentlicht. Und kultiviert auf der Bühne das schillernde Geschöpf, das er selbst einst schuf, in jugendlich-aufmüpfiger Perfektion. Nur wenn man näher dran ist an der Bühne, sieht man die vielen tiefen Falten im Gesicht, die sich bei jedem Sex-and-Drugs-and-Rock-n-Roll-Überlebenden finden und die düstere Geschichten erzählen, die man eigentlich gar nicht wissen will.

Billy Idol hat noch mal eine zweite Chance bekommen und hat sie genutzt. Gitarrist Steve Stevens, der sich zwischenzeitlich in die Band von Michael Jackson verflüchtigt hatte, ist wieder an seiner Seite. Noch so ein Rockfels in der Popbrandung, der in der Arena derart überirdisch gut den Gitarrenhelden mimt, daß er bei aller technischer Finesse und ausufernder Spiellust manchmal auch auf die Nerven geht. Ein Bär von einem Bassisten, ein mächtiger Drummer und ein Keyboarder komplettieren die Band, die sich lautstark durch ein Repertoire berserkert, das von frühen Generation-X-Jahren über Idol-Klassiker ("Dancing With Myself", "Flesh For Fantasy") bis zu neuen Songs reicht.

Billy Idol drängt immer wieder an die Rampe, ist stimmlich in Bestform, vertauscht im Doors-Song "L.A. Woman" Los Angeles mit Berlin und macht auch "Hot In The City" zu einem Loblied auf die Stadt, die sich in den Achtzigern so intensiv im New-Wave-Taumel verlor. Er kostet das Wiedersehen mit den Fans voll aus. Viele sind mit ihm älter geworden, hängen der eigenen Sturm-und-Drang-Zeit nach, schleppen heute ihre Kinder mit ins Konzert und skandieren die alten Heuler. Währenddessen wird auf der Bühne mächtig rabaukt und der Mainstream-Kraftrock mit der Peitsche vorangetrieben. Aber auch mal akustisch abgebremst mit Klassikern wie "Sweet Sixteen" oder mit der Randy-Newman-Ballade "Louisiana".

Volle zwei Stunden dauert die Show, als deren Höhepunkt, na klar, bis zur Heiserkeit der Schlachtruf "Rebel Yell" steht. Eigentlich müßte einem das albern vorkommen. Tut es aber nicht. Vor der Bühne wird getobt wie zu besten Zeiten im Metropol am Nollendorfplatz. Billy Idol kann's noch.

 

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